„Erinnerung ist eine Form der Verantwortung“
29.04.2026
Holodomor-Ausstellung im Fürstenberghaus in Münster zu Gast
29.04.2026
Holodomor-Ausstellung im Fürstenberghaus in Münster zu Gast
Die vom Mykola-Haievoi-Zentrum präsentierte Wanderausstellung „Wieso seid ihr noch am Leben?“ ist derzeit im Fürstenberghaus der Universität Münster zu sehen. Sie handelt vom Holodomor der Jahre 1932/33, der größten Hungersnot in der Geschichte Europas. Der Holodomor (ukrainisch für „Hungermord“) wurde verursacht durch die Zwangskollektivierung der Bauernhöfe unter der Herrschaft Josef Stalins 1930, die darauf folgende brutale Eintreibung des Getreides und am Ende die Konfiszierung jeglicher Lebensmittel. Etwa vier Millionen Menschen in der Sowjetrepublik Ukraine, der früheren „Kornkammer Europas“, verhungerten. Gleichzeitig starben etwa zwei Millionen Menschen in anderen Teilen der Sowjetunion, insbesondere in Kasachstan und Südrussland, an Hunger.
In Münster beeindruckte während der Eröffnung vor allem der Redner André Sahorn die etwa 100 Besucher. Der 1973 im Münsterland geborene und dort lebende Sahorn ist Sohn eines Ukrainers aus dem Dorf Burkiwzi, 160 Kilometer südlich der Hauptstadt Kyjiw. Der Vater – sein Name war ursprünglich länger, nämlich Sahorodnjuk – hatte als sechs Jahre alter Junge den Holodomor überlebt. Seine Eltern und seine kleine Schwester verhungerten. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde er als junger Zwangsarbeiter ins Münsterland verschleppt. 1945 entschied er, nicht in die Ukraine zurückzukehren, obwohl Moskaus Sicherheitskräfte auch im Westen Deutschlands nach zurückgebliebenen Sowjetbürgern fahndeten, die dann wegen „Kontakt mit dem Feind“ oftmals zu Lagerhaft verurteilt wurden. Der junge Mann konnte den Fahndern knapp entkommen.
70 Jahre nach der Verschleppung seines Vaters hat André Sahorn erstmals dessen Heimatdorf besucht und wurde freudig begrüßt. Er bekam bald auch erschütternde Erzählungen zu hören. Eine davon handelte von zwei im Dorf sehr beliebten, hilfsbereiten Brüdern, die ein Herz und eine Seele waren. Einer starb durch die Hungersnot, der andere überlebte. Sahorn erzählt: „Die Menschen im Dorf vermuten, dass die sich abgesprochen hatten: Wenn einer von beiden stirbt, soll der andere ihn aufessen, damit er selbst nicht verhungert.“ In zahlreichen Behördendokumenten und Berichten von Holodomor-Überlebenden aus der Ukraine werden in der Tat Fälle von Kannibalismus bezeugt, die manchmal selbst innerhalb einer Familie stattfanden.
Ricarda Vulpius, Professorin für Osteuropäische Geschichte in Münster, gab eingangs eine historische Einführung in das Thema. Die Ausstellung über den Holodomor, den viele Historiker und auch die Parlamente mehrerer Länder als Genozid bezeichneten, sei „ein wichtiger Akt der Aufklärung und mehr als das: Erinnerung ist eine Form der Verantwortung.“ Mariya Sharko von der Fachstelle Weltkirche und globale Zusammenarbeit im katholischen Bistum Münster sprach über heutige Praktiken des Erinnerns an den Holodomor. Die „Westfälischen Nachrichten“ berichteten über die Eröffnung.
Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Institut des Nationalen Gedenkens (UINP) und dem Holodomor-Museum, beide in Kyjiw, präsentiert und in Deutschland von Historiker Gerhard Gnauck vom MHZ organisiert. Sie ist in Münster noch bis einschließlich 12. Mai zu sehen. Dann wandert sie nach Potsdam. Eröffnung ist am 20. Mai um 18 Uhr mit einer Diskussion zum Thema „Der Holodomor in der deutschen Erinnerung“, u.a. mit Slawist Prof. Alexander Wöll und Historikerin Dr. Franziska Davies (Campus Am Neuen Palais, Haus 12, Hörsaal 0.39). Gezeigt werden dort außerdem Ersatzspeisen, wie sie die Menschen in der Ukraine 1933 zubereiteten, um zu überleben. In Potsdam wird die Ausstellung bis zum 2. Juli zu sehen sein.